Freitag, 1. Mai 2009

Uganda, Miscellaneous V

Wenn es regnet... Da der April der regenreichste Monat des ugandischen Jahres ist, hat es in den vergangenen Wochen beinahe jeden Tag geregnet. Trotz der eigentlichen Gewöhnlichkeit dieses Umstandes scheint Regen hier etwas recht ungewöhnliches zu bleiben. Mittlerweile habe ich nämlich gelernt, dass ich bei Regen gar nicht erst an die Uni zu gehen brauche – der Unterricht wird mit Bestimmtheit ausfallen. Erklären kann ich es mir zwar noch immer nicht, aber wenn es regnet, steht Kampala still. Als ob es Regenschirm und Pelerine nicht gäbe scheint jedermann hier fast schon zwanghaft jeglichen Kontakt mit dem (zumindest für mich) erfrischenden Nass zu vermeiden und bleibt entsprechend zu Hause. Oder aber unter einem Unterstand stehen, sodass Kampalas Zentrum bei Regen ein recht amusäntes Bild bietet: Leere Strassen und vollgepackte, vor Regen schützende Unterstände. Da wird gewartet, bis es trocken wird, ganz egal, ob dies nun 10 Minuten oder 2 Stunden dauert.
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Müssiggang im Telefonhäuschen. Durch die Strassen unseres Wandegeya-Quartiers spazierend frage ich mich manchertags: Was machen, denken, tun die da nur? Die Frage betrifft die vielen Leute, die im sogenannten informellen Sektor arbeiten. Und hiervon gibt es wie überall in Afrika unzählig viele: Schuh-, Zeitungs-, Erdnuss-, Bonbon-, Telefonkarten-, Hemden- oder Steckdosenverkäufer, die Security-Leute vor jeder Bank, vor jedem noch so kleinen Supermarkt, die Telefonistinnen, hinter einem kleinen Telefon sitzend auf Kundschaft wartend... Da verweilen sie also geduldig, morgens, nachmittags, abends, betrachten die immer gleiche Szenerie um sie und scheinen dabei, ja tatsächlich, recht zufrieden. Afrikanischer Müssiggang ist, durch die westliche Brille betrachtet, ein recht faszinierendes Phänomen. Gerne würde ich mich manchmal in die Lage derer versetzen, die da entspannt sitzen und in den Tag hinein leben, ohne viel zu tun, ab und zu einen Kunden bedienend, hin und wieder einen Schwatz mit der Nachbarverkäuferin haltend. Was denken sie? Kehrt da nicht alsbald eine riesengrosse Leere ein, ein Nichts aus einfältigem Sein und Dahinleben? Weshalb lesen sie kein Buch (können sie lesen?), weshalb ziehen sie nicht weiter, dorthin, wo es mehr Kundschaft, mehr Profit zu holen gibt? Was sind ihre Träume, Visionen, Wünsche und Sehnsüchte? Was wissen sie über die Welt, übers Andere, was ausserhalb des Quartier, des Landes, der Stadt liegt, über jene, die über ihre Köpfe hinweg ihr Schicksal mitbestimmen? Es ist eine andere Welt, eine andere Kultur. Und ich kann mich ihr nie so recht und gänzlich hingeben, verstehe viel nicht und teils umso weniger, je länger ich hier bin. Doch ob jenes, was ich tue, denn richtiger ist als all das, was ich hier sehe und beobachte, weiss ich nicht. Höher, schneller, weiter ist kaum die Maxime, die die Leute wahrhaftig glücklicher machen wird hier. Oder doch?
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Africa-English. Eigentlich war eines der Hauptmotive meines Austausches in Uganda auch die Verbesserung meines Englischs. Das ist hier etwas schwieriger, als ich mir dies vorgestellt hatte. Da die Ugander und Kenianer mit ihrer Lokalsprache aufgewachsen sind und Englisch erst in der Primarschule lernten, sprechen sie oft ein zwar gutes, nicht jedoch perfektes Englisch. Abschauen bzw. -hören ist deshalb nicht ganz einfach. Zusätzlich glaube ich, dass das afrikanische Englisch grundsätzlich weniger vielfältig und ausgereift ist als das britische, amerikanische etc. Erklären dürfte dies etwa der Umstand, dass Swahili, Luganda etc. relativ praxisnahe Sprachen sind und deshalb über einen anderen, weniger abstrakten und durchaus auch weniger breiten Wortschatz verfügen. Während es zwar eine reiche Fülle an Wörtern gibt um Blumen, das Wetter, das Verhalten einer Person zu beschreiben, fehlen ungegenständliche Ausdrücke teilweise gänzlich. Zwar wird an manchen Stellen sodann die Lokalsprache um gewisse englische Begriffe erweitert, viele der uns bekannten Ausdrücke werden aber kaum oder gar nicht benutzt. Am dominantesten ist der Kontrast dann, wenn man sich hier in Kampala BBC World aus London anhört (oft meine einzige aktuelle und entsprechend hochgeschätzte Informationsquelle der Geschehnisse ausserhalb Ostafrikas).
Nun aber kurz noch zu einer kleinen Geschichte, die in diese Kategorie passt. Das afrikanische Englisch zeichnet sich natürlich auch durch den speziellen afrikanischen Akzent aus. Ich habe hin und wieder noch immer mühe, die Leute zu verstehen. Jedenfalls hat der eine Professor kürzlich mal wieder in einem Anflug philosophischer Kreativität einen kleinen Exkurs über die Unsterblichkeit gewisser Personen in den Unterricht eingeschoben und mich nach seinen Ausführungen gefragt, ob ich denn so eine Person, also einen Unsterblichen, kennen würde. In Englisch nun lautete seine Frage wie folgt: „Do you know someone, sir?“. Liest sich einfach, tönt aber in Afrika etwas anders, als wir uns dies gewohnt sind. „Do you know“, habe ich soweit verstanden, beim „someone, sir“ hatte ich mehr Probleme. In meinen Ohren tönte dies so: „Samonsöaaa“. Samonsöaaa wiederum liegt relativ nahe am Wort „Samosa“, was ein ugandischer Frühstückssnack ist, eine Art triangelförmiges Ravioli mit Gemüse zwischendrin, fritiert und allerorts zu kaufen. Die Frage lautete also, ob ich Samosa kenne, den ugandischen Snack... Merkwürdige Frage, dachte ich, und fragte zurück: „Samosa?“. Naja, das war nun eine ziemlich absurde Situation, und tatsächlich hat das Ganze im Hörsaal auch zu ziemlich viel Amusément geführt. Der unsterbliche Samosa-Snack... Der Zwischenfall hat mir nun einen neuen Übernahmen in der Klasse beschert - naja, ihr werdet's erraten, welchen...
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UCICC. Seit drei Wochen arbeite ich zwei Tage die Woche beim Human Rights Network Uganda, genauer bei dessen Partnerorganisation UCICC, der sich mit den Herausforderungen, Chancen und Problematiken der Aktivität des ICC in Uganda beschäftigt. Und ich freue mich ob der Möglichkeit, die mir da geboten wird. Nebst dem wie überall recht theoretischen Umfeld der Uni ermöglicht mir diese Arbeit nun auch einen Einblick ins Praktische, Unmittelbare. Ich selbst hab nun die Aufgabe, ein Papier zur verzögerten Implementierung der ICC Gesetzesvorlage ins ugandische Recht bzw. die politischen Hintergründe dieser Verzögerung zu verfassen. Internationales Recht ist ein spannendes und enorm wichtiges Studienfeld, dem ich mich nun Schritt für Schritt annähern darf. Insbesondere die Überschneidungsbereiche zwischen lokalem oder nationalen Recht und dem globalen Völkerrecht zeigen sich als komplexe Herausforderungen. Recht und Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Bestrafung, Vergeltung und Verzeihung – all dies ist in Uganda, wo drei ICC-Haftbefehle ausstehend sind, von besonderer Bedeutung. Einen interessanten und lesenswerten Artikel zum Thema hab ich kürzlich auf Spiegel Online gefunden: „Ein gefährlicher Luxus“.
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Practice what you preach. Leider habe ich an der Makerere bisher nur wenige Professoren angetroffen, die mich sachlich überzeugt hätten (menschlich sind mir die meisten hingegen sehr sympathisch). Es gibt aber den einen, den Herrn Charles Bwana, der ist – ich sag es offen und unverhüllt - unter jedem Hund. Der Mann ist nach drei Wochen zum ersten Mal zum Unterricht erschienen, hat vier- oder fünfmal je eine Stunde unterrichtet, dann einen Test durchgeführt. Danach vergingen wiederum drei Wochen, ohne dass der Herr ein einziges Mal aufgetaucht wäre, worauf letzte Woche zwei Stunden unterrichtet wurde, nun steht wieder ein Test an. Sechs oder sieben Unterrichtsstunden bisher. Angesetzt waren drei Stunden die Woche, das Semester hat offiziell am 3. Februar begonnen. Entschuldigt war Bwana nie, sodass wir regelmässig dasassen, Montag, Mittwoch und Freitag, eine halbe Stunde warteten, schliesslich ungetaner Dinge und leicht entnervt nach Hause zurückkehrten. Das Paradoxe an der Sache: Der Mann unterrichtet Ethik. Ethik in internationalen Beziehungen. Und wenn immer er dann, sofern er mal da ist, was jedes Mal einer mittelgrossen Überraschung gleichkommt, über Moral und Ethik und sowieso alles Gute doziert, dann würde ich am liebsten aufstehen und ihn mal ordentlich in den Schwitzkasten nehmen. Ab und zu spät oder abwesend sein ist ertragbar und gehört hier zur universitären Normalität. Aber sein Verhalten, das mittlerweile gar von den afrikanischen Mitstudierenden kritisiert wird, ist eine Frechheit. Wahrscheinlich ist der Mann aber irgendwie mit dem University Dean oder gar mit Museveni selbst verschwägert, sonst wäre der doch auch hier schon lange weg vom Fenster....

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